ErinnerungsKulturBrücken

Sonnenbunker

Die aktuelle internationale politische Lage weckt die alten Ängste vor dem Atomkrieg wieder. Die Zeiten der Entspannung und Abrüstung sind vorbei. Die einfachen Bürger stellen sich die Frage, ob sie irgendwelchen Chancen „im Fall der Fälle“ haben werden und ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, die Überlebensfähigkeit nach dem Ausbruch des Atomkrieges zu steigern. Darüber wurde bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nachgedacht.
Die rasche Entwicklung der Möglichkeiten der Luftstreitkräften gegen Bodenziele in der Zeit zwischen der beiden Weltkriegen gab den Anstoß für die Gedanken über das Schicksal der Zivilbevölkerung in den Städten hinter der Frontlinie. Die ersten negativen Erfahrungen wurden bereits im Ersten Weltkrieg gesammelt. Mit der Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch die deutschen und italienischen Flugzeuge im Jahre 1937 wurde der vorläufige Höhepunkt des Terrors aus der Luft erreicht.
In Deutschland begann man mit dem Bau der Luftschutzbunker noch vor dem Zweiten Weltkrieg, aber der Bunkerbau nahm den richtigen Anlauf erst nach den ersten Angriffen der britischen Luftwaffe auf die deutschen Städte, welche im Laufe der Kampfhandlungen immer wieder ausgeweitet wurden. Die Wohngebiete wurden zur bevorzugten Zielen erklärt, da sie kaum geschützt werden konnten und keine große Anforderungen an die Treffgenauigkeit stellten, was besonders wichtig bei der Nachtangriffen war.
Die kriegswichtigen Industrieanlagen in Deutschland wurden deswegen im großen Stil unter die Erde gebracht. Aber zum Schutz der Zivilbevölkerung wählte man die sogenannten Hochbunker, die wesentlich günstiger im Bau waren. Sie wurden überall gebaut und viele von denen sind noch heute vorhanden.


https://www.marler-zeitung.de/staedte/dortmund/Blick-in-den-Bunker;art1330,72398

Einer von diesen Luftschutzbunkern ist „Sonnenbunker“ in Dortmund. Seinen Name schuldet er der nächsten großen Straße, der Sonnenstraße. Obwohl die Anlage sich eigentlich in einer Nebenstraße zwischen den ganz normalen Häusern ganz unscheinbar gibt. Dieser Bunker wurde gegen das Kriegsende gebaut. Offiziell befand er sich im Rohbauzustand. Laut dem Reiseführer fanden sich aber Zeitzeugen, die das Gebäude im Krieg zweckgemäß benutzt haben sollen. Für diese Version spricht auch die erste Nachkriegsverwendung des Bunkers als einer Notübernachtungsunterkunft für ausgebombte Dortmunder. Danach dienten seine Räume als Lager – mal für eine Möbelfirma, mal für das Archiv des Finanzamtes Dortmund-Hörde.
In den Jahren des Kalten Krieges schien atomarer Schlag eine ernstzunehmende Gefahr zu sein. Wieder musste man um das Überleben der Zivilbevölkerung Gedanken machen. In Deutschland waren noch Tausende Luftschutzbunker vorhanden. Und es war eine naheliegende Idee, diese für die neue Bedrohung auszubauen - damit jeder Bundesbürger im Fall der Fälle einen sicheren Platz bekäme.
Der Sonnenbunker war der erste seiner Art, der den Anforderungen des Atomkrieges in den Jahren 1959-1963 angepasst wurde. Der Umbau kostete die stolze Summe von 3,5 Millionen DM, was etwa 35 Millionen Euro der Gegenwart entspricht.
Das Konzept sah die autarke Unterbringung von 1500 Menschen für 30 Tage vor. Die Frist galt als ausreichend, um das Abregnen der radioaktiven Wolken in Sicherheit abzuwarten.
Zur Überprüfung der theoretischen Auslegungen startete man 1964 einen Belegungsversuch für 6 Tagen mit 144 Personen. Da es nicht nur um die technische Funktionen der Anlage ging, sondern auch um das Verhalten und Wohlbefinden der Insassen, wurden die Testpersonen aus ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ausgewählt. Zum einen waren es Rentner, zum anderen – junge Frauen im Alter von 20-25 Jahren. Damit waren alle Voraussetzungen für einen Konflikt in einem von der Außenwelt abgeschnitten engen Raum geschaffen.
Das Leben der Versuchsteilnehmer wurde nach dem 6-Stundenzyklus geregelt. Sie wurden in 3 Gruppen aufgeteilt, von denen eine sich im Schlafraum befand und zwei in den Sitzräumen. Zum Schlafen wurden die militärischen Feldbetten in drei Stocken aufgestellt, zum Sitzen – kleine Bänke für 3 Personen.


https://www.pravda-tv.com/2013/12/weltuntergang-atomubung-im-dortmunder-sonnenbunker/

Über den Köpfen der Sitzenden blieb noch Platz für Standartkoffer. Die kleine Küche mit einem kleinen Elektroherd und zwei großen Kesseln diente lediglich zum Aufwärmen der Dosengerichte. Die Wasserversorgung wurde durch eigene Brunnen abgesichert, die der Auffüllung des Reservoirs mit 11 Tausend Liter Wasser dienten. Allerdings, ging man beim Wasserverbrauch nur von 2 Liter pro Tag und Person - wohlgemerkt für absolut alle Bedürfnisse. Die Luftversorgung wurde durch die Belüftungsanlage sichergestellt. Die Luft kam durch das Filtersystem, das sowohl vor der Hitze als auch vor der Strahlung Schutz bitten sollte. Der zum Betrieb notwendige Strom wurde durch zwei Dieselgeneratoren im Keller produziert. Beim Ausfall der Elektrizität wurde der Handkurbelantrieb als Reserve vorgesehen.
Insgesamt verlief der realitätsnahe Versuch eher enttäuschend. Es zeigte sich, dass bei der Planung technische Fehler gemacht wurden. Zum Beispiel hätte man viel mehr Kohlenfilterpatronen für das Belüftungssystem benötigt. Auch beim Wasserverbrauch stellte sich fest, dass die Zahlen nach oben korrigiert werden sollen. Statt der Beheizung der Räume sollte man sich Gedanken über die Kühlanlage machen. Noch schlimmer ging es ums psychische Klima unter den Versuchsteilnehmern. Sie waren seelisch total erschöpft und waren ganz offensichtlich nicht mehr in der Lage, weitere 24 Tage im Bunker durchzuhalten.
Das Experiment im Sonnenbunker änderte entscheidend die Pläne des bundesdeutschen Zivilschutzes. Außer noch einem Bunker in Hamburg, wurde auf den Umbau der weiteren Bunker verzichtet.
Aber der Sonnenbunker wurde trotzdem modernisiert und bekam unter anderem eine Kühlanlage. Bis 1995 wurde er gewartet und gepflegt, dann aber nicht mehr. Erst 2005 wurde der Bunker zum Verkauf angeboten und ging in private Hände über. Seitdem dient der Sonnenbunker den Museumszwecken. Es werden Führungen für kleine Gruppen durchgeführt, bei denen die Besucher selbst etwas vom ungemütlichen Klima hinter den dicken Betonwänden erleben können. Man wird erstaunt sein, wie schnell das Gefühl für Zeit und Raum verlorengehen kann.

https://www.pravda-tv.com/2013/12/weltuntergang-atomubung-im-dortmunder-sonnenbunker/

Mitten in einer Großstadt ist man vollkommen von der Außenwelt abgekoppelt und ist recht glücklich, am Ende der Führung doch draußen zu sein. Nach der Enge der Räume und spärlichem Licht der Elektrolampen merkt man, wie schön der blaue Himmel und grüne Bäume sein können. Und das ist die wertvollste Erfahrung, die ein Besucher des Sonnenbunkers macht! Die beste und die einzige Möglichkeit der Menschheit, im Atomkrieg zu überleben – den nicht anzufangen!

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