„Um Beweismittel zu sichern, und das auf dem zügigsten Weg“ (12)

Zur „Lange(n) Nacht des Menschenrechtsfilms“ am 17. Dezember

1.    „Five ways to kill a man” (10 min), Kurzspielfilm von Christopher Bisset (Kategorie „Bildung“),

2.    „Rausch" (20 min) von Verena Jahnke, dokumentarischer Kurzspielfilm (Kategorie „Filmhochschule"),

3.    „Bon Voyage" (6:30 min) von Fabio Friedli (Kategorie „Kurzfilm") und

4.    „Mädchengeschichten: Esther und die Geister" (30 min) von Heidi Specogna (Kategorie „Profi") –

 

das waren die vier der fünf Gewinner (1) des Wettbewerbes um den Deutschen Menschenrechts-Filmpreispreis, die unter der Moderation von Michael Möller von der Filmakademie Baden-Würtemberg im LVR-Landsmuseum Bonn gezeigt wurden. Daß das Landesmuseum in der Colmantstraße 14-16 genau dem Haus der Deutschen UNESCO-Kommission gegenüber liegt und sich beide in unmittelbarer Nähe vom Hauptbahnhof befinden, ist außerordentlich praktisch.

Die Deutsche UNESCO-Kommission und die Amnesty International Hochschulgruppe Bonn ermöglichten zusammen mit amnesty international, dem Deutschen Anwaltverein, dem Deutsche Institut für Menschenrechte, dem Deutsche Jugendherbergswerk, der Evangelischen Medienzentrale Bayern, der Katholische Medienzentrale in Bayern, dem Amt für Kultur und Freizeit der Stadt Nürnberg, der Landesmediendienste Bayern, dem Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg, missio Aachen und missio München, MissionEineWelt, der Missionszentrale der Franziskaner, dem Nationalen Geistigen Rat der Baha'i in Deutschland, dem Nürnberger Menschenrechtszentrum, ProAsyl und der Stiftung Journalistenakademie diese erste Filmnacht, der im Januar weitere in Berlin, Frankfurt, Hamburg und München folgen werden (2).

 

Nach der Eröffnungsrede von Dieter Offenhäußler, dem Stellvertretenden Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission, sprachen Larissa Probst vom Vorstand von „amnesty international (ai)“ und Alexander Jost von der Bonner Hochschulgruppe. Sie riefen u.a. dazu auf, sich am aktuellen Briefmarathon von „ai“ zu beteiligen.

Und dann verdunkelte sich der Raum.

Als sich Sam morgens die Schuhe anzieht, stehen zwei chinesische Kinder vor ihm, die diese Schuhe angefertigt haben (Verbot der Kinderarbeit, Recht auf Bildung), und die Kaffeepflückerin aus Brasilien bringt ihm seinen Kaffee [Fair Trade? –Ich komme gerade nicht auf die Formulierung in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (3)]. Den ganzen Tag sind sie immer um ihn herum, bis er sie abends im Müll entsorgt. Als er sich am nächsten Morgen sein Hemd anzieht, steht wieder ein Kind vor ihm ...

„Den Menschen ein Gesicht geben“ – das ist das erklärte Ziel von „Five ways to kill a man“. Der Produzent Manuel Kinzer (4) erklärte, warum die schöne Brasilianerin trotz ihrer dringenden Bitte um Hilfe kein „Happy End“ bekommt.

Wenn in einer Wüste ein Lastwagen losfährt, der mit Hunderten Männchen [hier muß ich an meinen ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl denken, der immer wieder von „deutcher Gechichte“ und „deutchen Menchen“ (oder waren es ‚Männchen’?) sprach] beladen ist und über Berge fahren muß, die so hoch und steil sind, dass einzelne Männchen die Sonne berühren – dann kann es sich nur um einen Zeichentrickfilm handeln.

Grotesk überzeichnet gelangen von den Hunderten, die aufgebrochen sind, nur wenige dieser Strichmännchen ans Meer und besteigen ein Boot, das in Hohe See gerät und auch noch vom Ufer aus beschossen wird. Nur ein einzelnes Männchen erreicht sein Ziel.

Und jetzt sehen wir zum ersten Mal in „Bon voyage“ einen Menschen aus Fleisch und Blut, dessen Daten auf einem Papier festgehalten werden sollen. Einer von zwei Beamten malt zum Zeitvertreib Strichmännchen – viele, viele Strichmännchen auf einem Lastwagen, ...

Fabio Friedli (5) war über Skype zugeschaltet und beantwortete verschiedene Fragen aus dem Publikum, z.B. ob der Hubschrauber mit dem Roten Kreuz, der zunächst über dem Lastwagen kreist, eine Kritik an der Arbeit mancher „Humanitärer Hilfe“ sei. Ja, das könne man schon so verstehen ...

Zu „Mädchengeschichten: Esther und die Geister“ möchte ich aus der Seite des Menschenrechts-Filmpreises zitieren (6): „Die 17-jährige Esther lebt in Bangui, einer Stadt an der Grenze der Zentralafrikanischen Republik zur Demokratischen Republik Kongo. Als Esther sieben Jahre alt war, wurde ihre Familie von kongolesischen Söldnern überfallen, der Vater ermordet und alle weiblichen Familienmitglieder vergewaltigt. Für die Reihe „Mädchengeschichten“ zeichnet Dokumentaristin Heidi Specogna das differenzierte und sensible Bild einer jungen Frau, deren persönliche Geschichte das Trauma eines ganzen Landes widerspiegelt.

„Sie sitzt im Schatten eines Hinterhofs und blättert in einem Heft. Die Fotos zeigen Frauen, Männer und Kinder, Opfer von kongolesischen Söldnertruppen, die im Jahr 2002 ins Land eingefallen sind. Acht Jahre später steht der Kommandant der Truppen, Jean-Pierre Bemba, vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Er ist angeklagt, die Vergewaltigungen als Kriegswaffe befohlen zu haben. Ein Ende des Prozesses gegen Bemba ist noch nicht absehbar. Die Zeit zieht ins Land. Aber die Wunden der Opfer heilen nicht“, so schildert Heidi Specogna ihre erste Begegnung mit Esther im Januar 2008.“ (7)

„Wir sind in ganz wenigen Ländern auf der Welt privilegiert, sagen zu dürfen, was wir wollen. Es gibt nur wenige Länder auf der Welt, in denen wir dieses Geschenk haben. Wir müssen es wertschätzen. Alle anderen wollen es, wir haben es – lasst uns uns nicht benehmen, als ob wir es nicht brauchen.“

Diese Worte von Salman Rushdie (8) hatte Dieter Offenhäußler in seiner Eröffnungsrede zitiert. Daß die Meinungs- und Pressefreiheit eines der wesentlichsten Menschenrechte und ohne sie keine Demokratie möglich ist, betonte er ebenso wie die Tatsache, dass unser Grundgesetz vom 23. Mai 1949 „eine der ersten nationalen Verfassungen (war), die die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als Rechtsstandart berücksichtigt“. Und er führte aus: „Aber auch in Deutschland brauchen Menschenrechte nach wie vor Werber und Fürsprecher.“

Und damit bin ich bei dem Film, der mich am meisten berührt hat: „Rausch“ (9) von Verena Jahnke (10). Zum Inhalt: Bei seiner Festnahme verschluckt ein Mann die Drogen, deretwegen zwei Polizeibeamte ihn verhaften. Um die Beweismittel auf dem zügigsten Weg zu sichern, wird ihm aufgrund seiner Gegenwehr per Magensonde ein Brechmittel verabreicht und mehrfach mit Flüssigkeit der Magen ausgespült. Unmittelbar im Anschluß an diese Maßnahme ist der Mann tot: zu viel Wasser.

„Im Juli 2006 verbietet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Einsatz von Brechmitteln im deutschen Justizvollzug. Zwei Menschen waren zu diesem Zeitpunkt in Deutschland bei dieser Methode zur „Beweismittelerlangung“ schon gestorben, das Verfahren wurde aber von den Behörden nicht hinterfragt“ (aus der Begründung der Jury zur Preisverleihung, siehe Anm. 9).

Die Polizeibeamten sind weiß Gott keine brutalen Vollzugsbeamten, und die Ärztin, die den Schlauch durch die Nase langsam aber sicher bis in den Magen einführt, ist auch keine erklärte Menschenschinderin. Nein, es ist vielmehr die „Banalität des Bösen“ (Hannah Ahrendt), die Alltäglichkeit, die Routine, die Professionalität, der jederzeit mögliche „Luzifer-Effekt“ (Philipp Zimbardo), dieser „Rausch“ des „Guten“ bzw. des „Gegebenen“ bzw. „Für notwendig Befundenen“, der immer wieder so viel Elend anrichtet. Und das zeigt dieser Film in einer wunderbaren Eindringlichkeit.

Jeder von uns kann jederzeit in Gefahr geraten, im Namen irgendeiner postulierten „Notwendigkeit“ absichtlich, wissent- und willentlich, oder eben auch unabsichtlich und fahrlässig die Menschenrechte Anderer zu verletzen. Im Gegenüber jederzeit trotz aller womöglich tatsächlich begangenen Verbrechen einen Menschen mit seinen ihm eigenen Rechten zu sehen, ist eben genau das, worum es uns gehen muß.

„Nimm nie eine Waffe in die Hand. Du bist nicht der bessere Mensch. Du weißt nicht, was Du mit dieser Waffe in bestimmten Situationen tust. Auch Du kannst Dinge tun, die Du unter anderen Umständen niemals getan und auch niemals für möglich gehalten hättest.“ Diese Sätze gehören zum Erbe meines Vaters, an das mich auch dieser Film von Verena Jahnke (11) gemahnt.

Wie heißt es in der Begründung der Jury? „Regeln, Anweisungen, Mechanismen, auch polizeiliche Zwangsmaßnahmen mögen rechtstaatlich in Ordnung sein, gesetzlich genehmigt, müssen aber immer wieder hinterfragt werden, spätestens dann, wenn in der Praxis klar wird, dass durch die Buchstaben des Gesetzes Menschenrechte so offensichtlich verletzt werden. Dafür steht Verena Jahnke mit ihrem Film ‚Rausch’ (8).

Anmerkungen:

(1)          http://menschenrechts-filmpreis.de

(2)          15. Januar 2013 im „Haus der Kulturen der Welt“, John-Foster-Dulles-Allee 10 in 10557 Berlin; 23. Januar 2013 in der „Katholischen Studierendengemeinde“, Sedanstr. 23 in 20146 Hamburg; 29. Januar 2013 in der „Hochschule für Philosophie“, Kaulbachstraße 31a in 80539 München; 31. Januar 2013 im „Haus am Dom“, Domplatz 3 in 60311 Frankfurt am Main

(3)          http://www.unesco.de/erklaerung_menschenrechte.html

(4)          Interview mit Manuel Kinzer auf http://www.youtube.com

(5)          Interviews mit Fabio Friedli auf http://www.youtube.com

(6)          http://menschenrechts-filmpreis.de

(7)          Interview Heidi Specogna http://www.youtube.com

(8)          aus einem Interview in der FAZ vom 5.10.2012

(9)          http://menschenrechts-filmpreis.de/

(10)          www.verena-jahnke.de

(11)          Interview mit Verena Jahnke auf http://www.youtube.com

(12)          Das ist der Zweck für den Einsatz von Brechmitteln bei der Polizei, erklärte Verena Jahnke zu ihrem Film „Rausch“ – und dass sie sich auch selbst einmal eine Magensonde hat legen lassen, um ein Gefühl dafür zu bekommen.

(13)          Zugegeben: Die 13. Fee war gar nicht eingeladen (Am 20.12. vor 200 Jahren erschienen die „Kinder- und Hausmärchen“ der „Gebrüder Grimm“ zum ersten Mal). Aber wer mich kennt, weiß, dass ich es mir einfach nicht verkneifen kann: Hoffentlich gewinnt auch „Iki tutam saç“ („Zwei Bündel Haare. Die verschollenen Töchter Dersims“) auch einmal den Menschenrechts-Filmpreis (siehe dazu http://www.migrapolis-deutschland.de).

Autor Frau Thelen-Khoder

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