Walther Friesen

 mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte – Generator der Fake History?
Einige kritische Bemerkungen mit offenen Fragen an Autoren

„Das Auge hat eine einzige Zentrallinie, und alle Dinge, welche durch diese Linie zum Auge gelangen, werden gut gesehen. Um diese Linie gibt es eine unendlich große Anzahl anderer Linien, die mit der Zentrallinie in Berührung kommen und die umso wirkungsloser sind, je weiter sie von besagter Zentrallinie entfernt sind.“

Leonardo da Vinci

Das zentrale mBook-Bild:

Fragen an Autoren:

1. Welcher Zäsur der russlanddeutschen Geschichte soll das Datum „1765“ zugeordnet werden?

2. Warum soll ausgerechnet das Jahr „1812“ so bedeutungsvoll für die Russlanddeutschen sein? Einmarsch der Grande Armée unter Kaiser Napoleon I. ins Russische Imperium?

3. Es gab viele Ereignisse im Jahre „1917“ (Abdankung des Zaren, linksradikaler / bolschewistischer Umsturz, usw.), die die historische Wende für den gesamten Vielvölkerstaat Russland bedeuteten. Allerdings, die Gründung der deutschen Arbeitskommune an der Wolga am 19. Oktober 1918 muss unbedingt im Rahmen des Kurses zur russlanddeutschen Geschichte erwähnt werden.

4. „1945“ endete der 2. Weltkrieg, allerdings die Lage der Russlanddeutschen hatte sich kaum zum Besseren geändert. Schon Anfang des deutsch-sowjetischen Krieges – am 28. August 1941 – wurde der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben“ veröffentlicht, die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen aufgelöst und die deutsche Bevölkerung deportiert. Die vom Diktator Josef Stalin unterschriebenen streng geheimen Verordnungen des Staatskomitees für Verteidigung Nr. 1123cc vom 10. Januar 1942 „Über die Nutzbarmachung der deutschen Übersiedler des militärdienstpflichtigen Alters, Alterstufe 17 – 50“ und № 2383cc „Über die zusätzliche Mobilisierung der Deutschen für die Volkswirtschaft der UdSSR vom 7. Oktober 1942 stehen in Widerspruch zum Artikel 2 der Konvention vom 9. Dezember 1948 über die „Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“. Völkermord ist hiernach „eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören: a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe; c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen“
Die Verpflegung der „mobilisierten“ Russlanddeutschen wurde nach Normen der Straflager festgelegt. Ohne Gerichtsverfahren wurden alle russlanddeutschen Männer des reproduktiven Alters den kriminellen Verbrechern gleichgestellt und viele von ihnen dem Untergang vor Hunger geweiht. Zu den „Böswilligen“ konnte „die höchste Strafe“, d.h. Erschießung, angewandt werden (Ab. 5 der ‚Verordnung 1123 cc‘). In Weißrussland, die von den Kriegshandlungen am schwersten mitgenommen gewesen war, ging jeder vierte Einwohner unter. In rückwärtigen Gebieten ,in den Kohlengruben und Holzschlägen - jeder dritte Russlanddeutsche. In Zechen Sibiriens dauerte die Arbeitswoche für Russlanddeutschen nicht 7 Tage, wie bei anderen, sondern 10 Tage. Der Arbeitstag unter Tage dauerte von 12 bis 16 Stunden.
„d) Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind“
Die Verordnung 2383 cc ordnete die Trennung der russlanddeutschen Frauen und Männer der reproduktiven Altersstufen an. Alle russlanddeutschen Männer von 15 Jahren (eigentlich noch Kinder des Pubertätsalters – W.F.) bis 55 Jahren (Ab. 1 der ‚Verordnung 2383 cc‘) und alle russlanddeutschen Frauen von 16 (auch Kinder) bis 45 Jahren (Ab. 2a der ‚Verordnung 2383 cc‘) wurden zu verschieden Konzentrationslagern, die von einander Zighunderte und Zigtausende Kilometern entfernt gewesen waren, abtransportiert. Männer wurden zur Sklavenarbeit in den Kohlgruben im Ural und in Kasachstan gezwungen (Ab. 7a der ‚Verordnung 2383 cc‘) und Frauen - gen Taigaholzschlägen in Wildnis (Ab. 1b der ‚Verordnung 2383 cc‘).
„e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe“
Dem heuchlerischen Ab. 3a der ‚Verordnung 2383 cc‘ gemäß, mussten alle russlanddeutsche Kinder älter als drei Jahre „den anderen Familienangehörigen“, „Verwandten“ oder den „deutschen Kollektivwirtschaften“ übergeben werden. Schon im Vertreibungschaos von 1941 waren die russlanddeutsche Familien und Verwandtschaftskreise bei der Willkür der Behörde fast komplett zerrfetzt worden! De jure und de facto gab es in der Sowjetunion 1942 überhaupt keine „deutschen Kollektivwirtschaften“! Allerdings, den Hohepunkt des Holocausts (aus Griechischem ὁλοκαύτωμα [holokáutoma] ‚vollständig Verbranntes’) an den Russlanddeutschen beinhaltet Ab. 3b der ‚Verordnung 2383 cc‘: „Die örtlichen Sowjets der Volksdeputierten (d.h. die bolschewistischen Vertretungen – W.F.) sind verpflichtet die Maßnahmen zur Unterbringung („устройству“) der ohne Eltern hintergelassenen Kinder zu ergreifen.“ Im Oktober 1942 gab es keine „Unterbringungsmöglichkeiten“ für die zum sicheren Tod geweihten zigtausenden russlanddeutschen Kinder in öden kasachischen Steppen oder in sibirischer Taiga, worin sie mit den Eltern Ende 1941 verschleppt worden waren! Die Mehrheit von diesen war gewaltsam in den überfüllten Waisenhäusern „untergebracht“ worden. Nun wurden die minderjährigen Geschwister voneinander getrennt und der Willkür der deutschfeindlichen Fernstehenden ausgesetzt.
Am 26. November 1948 verkündete der Oberste Sowjet, dass die Verbannung „auf ewig“ gelten solle. In Sibirien und Kasachstan wurden die Russlanddeutschen weitgehend von den anderen Sowjetbürgern getrennt in Sondersiedlungen angesiedelt. Diese unterstanden regelmäßig einer sog. Kommandantur mit strengen Meldepflichten, Ausgangsbeschränkungen und Diskriminierungen. Es herrschten lange Zeit lagerähnliche Zustände. Ein Erlass, die Kommandanturen aufzuheben, wurde am 13. September 1955 gefasst und ab Januar 1956 umgesetzt. Ab dieser Zeit durften sich die Deutschen wieder einen Wohnort nach Wunsch suchen, aber nicht in ihren früheren Siedlungsgebiete.

5. Was symbolisieren die zwei uniformierten Personen links oben? Eine mit einem Dreispitzhut soll vielleicht Napoleon I. verkörpern. Darauf sollte auch ein angeblicher Mamluken-Säbel in seiner Hand hinweisen. Diese Waffe wurde von Französen während der Ägyptischen Expedition (1798–1801) zur ihren Aufrüstung aufgenommen. Aber dieser Typ der Säbel stellte man ohne Bügelgefäß her. Und was symbolisiert der andere uniformierte Mann mit der Krone? Den russischen Imperator Alexander I., den Napoleons Erzrivalen? Aber er hatte sich niemals einen Schurbart wachsen lassen.

6. Welche relevante Botschaft vermittelt den Lernenden und den Russlanddeutschen das Datum „1990“? Deklaration der staatlichen Souveränität der Russischen Föderation am 12. Juni 1990? (Die Sowjetunion wurde durch die Alma-Ata-Deklaration am 21. Dezember 1991 aufgelöst.) Oder den stufenweisen Abriss der Berliner Mauer? (Offiziell ist die Berliner Mauer am 9. November 1989 gefallen.) Oder eine Etappe der Zuwanderung von Aussiedlern, die 1990 ihren Höhepunkt mit 397.073 Personen erreichte? Wird es von Autoren wie ein kritischer Punkt betrachtet? Dann – warum?

7. Auf dem Bild rechts unten ist ein heldenhaft aussehender uniformierter Mann auf der Weltkarte in der Region der Indochinesischen Halbinsel positioniert, der die Ehrenbezeigung mit der linken Hand erweist, was m. E. in keiner Armee der Welt üblich ist. Was hat diese Region bzw. ihr Militär mit der russlanddeutschen Kulturgeschichte zu tun?

8. Soll die Dame im voluminösen Glockenrock die deutschfeindliche Thronusurpatorin Katharina II. darstellen? Diejenige, die einem weitverbreiteten Mythos nach, ausgerechnet die Deutschen nach Russland einlud? Das hatte sie niemals gemacht; sieh zu diesem Thema den Beitrag von Herrn Dipl.-Hist. Alex Dreger:


Am 10. September 1721, unterzeichnete Ostermann im Namen des Zaren Peter I. den Frieden von Nystad, der den 20-jährigen Krieg (1700–1721) beendete, und Livland, vertreten durch die Livländische Ritterschaft des Deutschen Ordens, vereinigte sich mit dem Zarentum Rus. Das war die Gründungsstunde des neuen Staatwesens Eurasiens – des Imperiums der Rossen. Dadurch wurde auch der andauernde gemeinsame Kampf gegen das türkische Osmanische Reich und seine Satelliten gekrönt. 1721 waren mehr als 100.000 Deutsche Livlands zu Imperiumsuntertanen geworden; weiterlesen:


9. Was wollten die Autoren mittels eines Münzenhaufens versinnbildlicht haben? Dass die Russlanddeutschen aus Gier nach Deutschland gekommen, d. h. mit den Wirtschaftsflüchtlingen gleichgestellt werden können? Welche Botschaft vermittelt das Fragezeichen auf dem Spielwürfel? Dass es für die Russlanddeutschen egal sei, wohin auszuwandern? Eigentlich, gibt es im mBook den Abschnitt, der ihre lang ersehnte Heimkehr mit der Wanderlust von Primaten gleichstellt:

https://rd.institut-fuer-digitales-lernen.de/mbook/1-der-mensch-als-wanderer/11-aussiedler-einwanderer-fluechtlinge-warum-begeben-sich-menschen-an-andere-orte/galerie-wanderer/
(heruntergeladen am 20.07.2018 um 07:00 Uhr)

Dieses angebliche „Fernweh“ der leidgeprüften Volksgruppe untermauern die mBook-Autoren mit „Musikalischen Beispielen“ aus YouTube, wie:

- „Wohin? Die schöne Müllerin“ von Wilhelm Müller („Das Wandern ist des Müllers Lust… Ich möchte zieh’n in die Welt hinaus…“)
- „Wem Gott will die rechte Gunst erweisen“ von Rudolf Schock. Das YouTube-Verlinkungskonto ist gesperrt worden (Stand: 20.07.2018):

- „Rock: Steppenwolf – Born to be Wild“ (Übersetzung: „Bring' deinen Motor zum Laufen / Raus auf die Autobahn / Auf der Suche nach Abenteuer / was auch immer unsren Weg kreuzt ... Schieß' all' deine Waffen auf einmal ab / und explodiere ins All. / Ich mag Rauch und Blitze / Schweren Metallischen Donner...“)
- „Punk: Iggy Pop – The Passenger“ (Übersetzung: „Komm ins Auto, wir werden die Passagiere sein / Wir werden heute Nacht durch die Stadt fahren, / Sehen die zerrissenen Viertel der Stadt ... Lass uns singen / La la la la la la la la”)
- „Pop: Rihanna – Shut up and Drive” (Übersetzung: “... Ich geh von Null auf Hundert in 3,5 / Baby, du hast die Schlüssel / Also halt die Klappe und fahr los / Fahr, fahr, fahr / Halt die Klappe und fahr los / Fahr, fahr, fahr“)
- „Mark Forster - Au Revoir (Videoclip) ft. Sido“ („Ich scheiße auf mein Zuhause / Ich scheiße auf euch / Und auf die ganze Scheiße hier / In diesem Haus, wo ich wohn / Hier ist alles so gewohnt / So zum Kotzen vertraut / Mann, jeder Tag ist so gleich / Ich zieh Runden durch mein' Teich / Ich will nur noch hier raus ...“)
Können die von mBook-Autoren angebotenen musikalischen Beiträge wirklich zur konstruktiven Wahrnehmung der russlanddeutschen Kulturgeschichte beitragen bzw. die Geschichte der Russlanddeutschen veranschaulichen?

In der Wikipedia-Veröffentlichung, die offensichtlich anhand der Mitwirkung von mBook-Autoren verfasst worden ist, werden die methodischen Grundlagen des Projektes geschildert: „Das multimediale und digitale Schulbuch mBook ist ein konstruktionstransparentes, interaktives und individualisierbares Lern- und Arbeitsbuch für den Unterricht und wurde prototypisch für das Fach Geschichte konzipiert. Fachinhaltlich wie -didaktisch ist dieses browserbasierte Schulbuch eine Neuentwicklung für kompetenzorientiertes und differenziertes Unterrichten. Es basiert auf einer Konzeption und Entwicklungsstrategie ... Dabei wurde das mBook nicht nur als Förder-, sondern auch als Forschungsinstrument entwickelt. ... Das mBook betrachtet ... Geschichte als eine Konstruktion, die sich, ausgehend von jeweils gegenwärtigen Herausforderungen, auf die Vergangenheit richtet, um orientierungsrelevante Sinnkonstruktionen für gegenwärtiges und zukünftiges Leben zu erhalten. Auch methodisch regulierte Erzählungen über die Vergangenheit transportieren immer individuelle oder kollektive Interessen und Zukunftserwartungen. Auf diese Weise schaffen sie nicht nur Kenntnisse über die Vergangenheit, sondern zugleich Orientierungsangebote für die Rezipienten.“ Welche „orientierungsrelevante Sinnkonstruktionen“ können „die Rezipienten“ – d. h. Schulkinder – über die russlanddeutsche Kulturgeschichte „erhalten“ aufgrund der inkorrekten Tatsachen, die auch „fachinhaltlich wie -didaktisch“ kaum zum deklarierten Unterrichtsgegenstand gehören? Warum wird es den wichtigen identitätsprägenden Faktoren der russlanddeutschen Kulturgeschichte keine gebührende Aufmerksamkeit geschenkt?

Frühere Beiträge zu diesem Thema:



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