„Unser Hof“ von Hugo Wormsbecher auf der Bühne des Moskauer Theaters

Völkerverständigungsprojekt
Aufbau des Netzwerkes zur Veranschaulichung der russlanddeutschen Geschichte

Am 15. Juni 2019 zeigte das Theater der westsibirischen Stadt Tara (Gebiet Omsk) das Schauspiel „Vaters Spur“ (Regie: Konstantin Rechtin) nach der Novelle „Unser Hof“ des Klassikers der russlanddeutschen Literatur Hugo Wormsbecher auf der Bühne des Wachtangow-Theaters in Moskau. Dazu wurde der Autor Hugo Wormsbecher eingeladen, der vom russischen Publikum mit stehendem Beifall gefeiert wurde.

Das grauenvolle Schicksal einer deportierten wolgadeutschen Familie, die aus der Perspektive des Kindes geschildert wird, ging allen Zuschauern unter die Haut. „Wie kaum ein anderer hat der am 26. Juni 1938 in Marxstadt (heute Marx) an der Wolga geborene und nachher in der Verbannung in Sibirien aufgewachsene Hugo Wormsbecher die Traumata seiner vom Totalitarismus unseres Jahrhunderts so gebeutelten Landsleute literarisch zu bewältigen versucht“, schrieb der rumäniendeutsche Literaturkritiker Ingmar Brantsch zum 70. Geburtstag von Hugo Wormsbecher (Zeitschrift „Volk auf dem Weg“ 6/2008).

Wormsbecher gehört auch zu den ersten, die sich an das „verbotene“ Thema der Deutschen in der Sowjetunion heranwagten. Bereits 1970 legte er der Zeitung „Neuen Leben“ das erste Kapitel der Erzählung „Unser Hof“ unter dem Titel „Vaters Spur“ als selbständige Kurzerzählung vor. Das Urteil war zwar positiv, aber veröffentlichen durfte man sie damals nicht. Auch im Zuge der verstärkten Auswanderung Ende der 1980er und vor allem in den 1990er Jahren konnte die jahrzehntelangtotgeschwiegene Geschichte der Deutschen in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten nie wirklich aufgearbeitet werden. Während in Deutschland eine Erinnerungsliteratur entstanden ist, die angesichts ihrer Vielfalt und Bandbreite beeindruckt, ist das tragische Schicksal der Deutschen in der öffentlichen Wahrnehmung der postsowjetischen Zivilgesellschaften nie in erkennbarem Maße in Erscheinung getreten.

Die Aufführung von „Vaters Spur“ nach einem Werk, das 15 Jahre lang nicht zur Veröffentlichung zugelassen wurde, markiert einen Meilenstein und hat überregionale Bedeutung. Seit der ersten Aufführung am 25. November 2017 gewann das Schauspiel „Vaters Spur“ viele hochgeschätzte russische Theaterpreise, u. a.:
- Sonderpreis der Jury „Für die herausragende künstlerische Umsetzung und die Verteidigung der allgemeinmenschlichen Werte“ beim III. Allrussischen Theaterfestival „Mitstreiter“ (Tara, November 2017)
- Preis der Assoziation der Theaterkritiker Russlands „Für künstlerische Aussagekraft, Freimut und Aktualität beim Erfassen der Vergangenheit des V. Überregionalen Festival-Wettbewerbes „Nowosibirsker Transit“ (Nowosibirsk, Mai 2018)
- Anerkennungsdiplom des Russischen nationalen Theaterpreises „Harlekin“ für „Die beste Regie“ (26. April 2019), usw.

Hugo Wormsbecher mit dem Regisseur Konstantin Rechtin (rechts)
und Woldemar von Anz, dem Leiter der Deutschen national-kulturellen Autonomie der Stadt Chimki (links)

Hugo Wormsbecher und die junge Zuschauerin
mit dem vom AFZ ETHNOS e. V. herausgegebenen russischen Autorentexte der Novelle „Unser Hof“
ISBN 978-5-00150-196-1

Es ist möglich, das Schauspiel „Vaters Spur“ auch online sehen: https://www.youtube.com/watch?v=_KrJ-EwAu7o
Kyrillische Stichwörter für Internetsuchmaschinen: папин след спектакль

Es gibt auch eine andere Meinung:

„Thematisch spielt in der genannten Novelle Wormsbechers die Auseinandersetzung mit „dem im Stalinismus erlittenen Unrecht seiner Landsleute“ (siehe z. B. „Kulturportal West – Ost“) die zentrale Rolle.
Dass es solche stalinistischen Unrechtshandlungen an Angehörigen der russlanddeutschen Volksgruppe gegeben hat, ist historisch unstrittig. Allerdings ist kritisch zu fragen, ob diese geschichtliche Phase auch heute noch als maßgeblich oder gar alleinig Identitätsprägend betrachtet werden sollte, oder ob – im Sinne der Völkerverständigung und einer angemessenen Berücksichtigung der kulturellen Wechselbeziehungen zwischen den Deutschen und ihren östlichen Nachbarn – nicht auch andere Aspekte stärker in den Vordergrund gestellt werden könnten und sollten. Grundsätzlich ist eine differenzierte, ausgewogene historische Aufarbeitung der wechsel- und teilweise leidvollen deutsch-russischen Geschichte wünschenswert.
Mehr noch als gegenüber der Novelle „Unser Hof“ bestehen hier insbesondere Vorbehalte gegenüber der Aktivitäten von Herrn Wormsbecher in seiner (politischen) Rolle als Interessenvertreter für russlanddeutsche Angelegenheiten. Nach unseren Recherchen setzt sich Herr Wormsbecher bis heute u. a. für die „Wiederherstellung der territorialen Autonomie“ einer kompakt siedelnden deutschen Bevölkerung an der Wolga oder in anderen russischen Gebieten ein“
Dr. Chmel-Menges (Bezirksregierung Arnsberg) in der Begründung der Ablehnung des Antrages des Vereins Ausbildungs- und Forschungszentrum ETHNOS e. V. auf Gewährung einer Zuwendung des Landes Nordrhein-Westfalen gem. § 96 BVFG für das Projekt „Aufbau des Netzwerkes zur Verfilmung der russlanddeutschen Geschichte“ vom 25.01.2017

„Gerade angesichts des zuletzt problematischen Verhältnisses der Europäischen Union bzw. Bundesrepublik Deutschland zu Russischen Föderation sind solche Forderungen heute nicht nur vollkommen unrealistisch, sie können – würden sich relevante Vertriebenenverbände oder gar staatliche Stellen mit solchen Zielen gemein machen – durchaus auch eine zusätzliche Belastung der Beziehungen und des grundsätzlich erforderlichen Dialogs darstellen.“
Dr. Chmel-Menges (Bezirksregierung Arnsberg) in der Streitsache 6 K 1893/17 „Verein Ausbildungs- und Forschungszentrum ETHNOS e. V. gegen das Land Nordrhein-Westfalen“, Stellungnahme vom 21. März 2017

„Veranstaltungen, auf denen es nur um das Leid der Russlanddeutschen geht, halten wir für problematisch“
Dr. Chmel-Menges (Bezirksregierung Arnsberg) / Niederschrift der Verwaltungsgericht Gelsenkirchen vom 06.09.2018 in der Streitsache 6 K 1893/17 „Verein Ausbildungs- und Forschungszentrum ETHNOS e. V. gegen das Land Nordrhein-Westfalen“