Nadja Thelen-Khoder

Gewissen heißt „conscience“

Wie oft höre ich von „Erinnerungskultur“ oder „Gedenken“. Aber „gedenken“ kann man nur etwas, das man weiß – und wir wissen so vieles nicht. Der Eine weiß das, der Nächste etwas Anderes, der Dritte hat einen Tip, der Vierte eine Idee, der Fünfte weiß wieder etwas, der Sechste erinnert sich ganz dunkel – alles wissen etwas, und jeder kann erzählen.
       Manchmal ist es so: Jemand erinnert sich, daß an einem bestimmten Ort Zwangsarbeiter gearbeitet haben; bei ihm nicht, aber eben dort. Und an dem genannten Ort erinnert man sich, daß bei diesem Jemand Zwangsarbeiter gearbeitet haben. Es ist eine unvollständige Geschichte, und es gilt, die Puzzlesteine zusammenzusetzen.
       Manchmal bin ich neidisch auf andere Sprachen. „Gewissen“ kommt im Deutschen oft mit dem Wort „gut“ oder „schlecht“ daher. Man spricht von einem „guten Gewissen“ oder sogar von einem „reinen Gewissen“ und meint damit eine moralische Kategorie. „Gewissen“ kommt im Deutschen sehr oft mit erhobenem Zeigefinger daher und bewertet, teilt ein, kategorisiert.
       Im Englischen heißt „Gewissen“ „conscience“ – „con“ für „zusammenhängend“ und „science“ für Wissenschaft. „Wissenschaft“ habe ich so lange als „Forschung“ verstanden, bis mir in den Sterbeurkunden immer wieder die (meist vorgedruckte) Formulierung begegnete: „Der/Die Anzeigende ist bekannt und erklärte, daß er von dem Sterbefalle aus eigener Wissenschaft unterrichtet sei.“ Auch im deutschen Wort „Gewissen“ steckt das Wort „Wissen“, aber um dieses Wort kreisen andere Wörter wie Geier. Es sind Wörter wie „Schuld“ und „Strafe“, die manch einen zum Verstummen bringen, die manch einen auch verführen, „nichts (mehr) wissen zu wollen“ bis hin zur vagen Hoffnung, vielleicht gar „nichts gewußt zu haben“.
       Das mag an einem anderen Wort liegen, daß ebenfalls in anderen Sprachen anders benutzt wird. Es ist das Wort „Opfer“. Immer wieder höre ich die Formulierung „Opfer des Nationalsozialismus“, und ich erinnere mich gut an eine alte Jüdin, die ein Konzentrationslager überlebte und immer wieder sagte: „Ich bin kein Opfer!“
       Zunächst habe ich nicht verstanden, was sie meinte, bis ich realisierte, daß „Opfer“ ein religiöser Begriff ist, der im Englischen und Spanischen etwa niemals auf Personen angewendet wird; dort heißen sie „victims“ bzw. „victimas“, und in diesen Wörtern steckt deutlich, um was es eigentlich geht.
       „Opfer“? Wenn jemand zur Polizei ginge und sagte, er sei Opfer geworden, fragte jeder Polizist sicherlich als erstes: „Wovon?“ Er würde wissen wollen, was passiert ist – und dann, wer der Täter war. Beide Fragen spielen aber merkwürdigerweise bei der Formulierung „Opfer des Nationalsozialismus“ kaum eine Rolle.
       Das englische Wort „victory“ für „Sieg“ kennt jeder, und es ist in vielen Sprachen in vielen Varianten gebräuchlich, bis hin zu Vornamen und „Hochrufen“.
       „Victims“ bzw. „victimas“ sind Besiegte. Als Kurt Schumacher 1933 ins KZ eingeliefert wurde und ein Nazi ihn fragte „Warum sind Sie hier?“, antwortete der Sozialdemokrat und spätere Konkurrent Konrad Adenauers um das Kanzleramt: „Weil ich zur besiegten Partei gehöre.“
       Wie habe ich mich erschrocken, als ein Jugendlicher von 15 Jahren einmal das Wort „Opfer“ bezogen auf einen Mitschüler benutzte. Es war nicht die Spur von Hilfsbereitschaft oder auch nur „Mitleid“ dabei. Er benutzte es negativ, und in der Bezeichnung schwang deutlich das Wort „Verlierer“ mit; später sagte er auch „Loser“ zu dem „Opfer“.
       Wörter und besonders Worte tragen Inhalte, manchmal bewußt, manchmal unbewußt von den Sprechenden weitergegeben, und viele Wörter haben in anderen Sprachen ganz andere Bedeutungen, werden völlig anders gebraucht und verstanden. Ich erinnere mich gut an ein Erlebnis, daß mich vor Jahrzehnten sehr prägte. Viele kennen das Bild von Goya, das einen Jüngling zeigt, der auf einem Stuhl sitzt; sein Oberkörper ist über einen Tisch gebeugt, sein Kopf liegt auf seinem Arm; er ist am Tisch eingeschlafen. Um ihn herum flattern schreckliche Wesen, und unter dem Bild steht: „El sueño de la razon produce monstros“. Meist habe ich als Übersetzung gelesen: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.“ Aber „sueño“ heißt im Spanischen nicht nur „Schlaf“, sondern auch „Traum“. Nicht nur der Schlaf der Vernunft, sondern auch der Traum der Vernunft schaffen Ungeheuer. Diesen Unterschied zwischen Deutsch und Spanisch erklärte mir damals meine spanische Freundin, die aus allen Wolken fiel, als ich vom „Schlaf der Vernunft“ sprach; daran hatte sie noch nie gedacht, wie ich damals nicht an den „Traum der Vernunft“.
       Manchmal kann man hören, „der Nationalsozialismus“ sei ja nicht nur „schlecht“ gewesen und habe ja auch seine Gründe gehabt. Meistens ziehen solche Satzfragmente weitere nach sich wie „Es muß doch einmal Schluß sein“ und das Wort „Schuldkomplex“.
       Dagegen stehen jährliche „Gedenkfeiern“ an „die Opfer des Nationalsozialismus“, die von „Machtergreifung“ sprechen, von „Wiedergutmachung“ und „Versöhnung“. Sämtliche genannten Worte und Wörter halte ich für problematisch über unbrauchbar bis verwerflich. Warum?
       Wenn sich „Opfer des Nationalsozialismus“ gegen eben diese Formulierung verwahren: Mit welchem Recht benutzen Menschen dann diese Formulierung? Es handelt sich um eine Fremdbezeichnung, die von vielen, die damit bezeichnet werden sollen, abgelehnt wird.
       Und wer ist eigentlich dieser „Nationalsozialismus“?
       „Machtergreifung“? Am 23.3.1933 übergaben deutsche Reich stagsabgeordnete durch ihre Zustimmung zum „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ („Ermächtigungsgesetz“) die Macht, Gesetze ohne Zustimmung des Parlaments zu erlassen, an die regierenden Nationalsozialisten. Otto Wels rief „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!“ und lehnte wie alle 94 Mitglieder seiner SPD das Gesetz ab, während die 444 übrigen Reichstagsmitglieder der Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP, die mit der NSDAP seit dem 5.3.1933 koalierte und den Nazis damit die Regierungsmehrheit verschaffte), des Zentrums, der Bayerischen Volkspartei (BVP) und der Deutschen Staatspartei zustimmten. Die Sozialdemokraten mußten anschließend ins Exil oder ins KZ; die 81 gewählten Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands, KPD, konnten an der Abstimmung nicht teilnehmen, weil ihre Mandate für null und nichtig erklärt worden und viele schon inhaftiert waren. Die Macht wurde also nicht „ergriffen“, sondern übergeben. Wir sollten also korrekt von „Machtübergabe“ sprechen; was bedeutet es, wenn das immer wieder geschrieben wurde, aber nach wie vor von „Machtergreifung“ gesprochen wird?
       „Wiedergutmachung“ ist ein Wort, das mir regelrecht den Atem raubt. So lange dieses Wort in diesem Zusammenhang benutzt werden kann, haben wir alle nicht verstanden, was „Auschwitz“ bedeutet.
       Wenn es Menschen gibt, denen das Schrecklichste angetan wurde, was sich menschliche Gehirne überhaupt nur ausdenken können: Wer kann dann von „Versöhnung“ sprechen, wenn dieses Wort einen Sinn haben soll? Diese Menschen oder ihre nächsten Angehörigen, die diese Menschen verloren haben. Alle anderen können nur auf eine solche Möglichkeit hoffen. Voraussetzung ist aber die Erarbeitung dessen, was Menschen anderen Menschen angetan haben, sonst ist es wie bei dem Schüler, der mehrfach schrie: „Ich habe mich doch entschuldigt!“ Sein Gegenüber hatte die Entschuldigung nicht angenommen, weil er den Eindruck hatte, daß dem Schreier überhaupt nicht klar war, wofür er sich angeblich ent-schuldigte.
        Niemand kann sich selbst entschuldigen – das kann nur der Geschädigte. Aber auch das Wort „Schuld“ weist ins Leere. Es läßt Menschen verstummen, lügen, heucheln, vertuschen, verschleiern – ach, wie viele Wörter haben wir für „nicht die Wahrheit sagen“.
       Und auch dieses Wort stimmt nicht: „die Wahrheit“. „Die Wahrheit“ besteht wesentlich auch aus vielen klitzekleinen Wahrheiten, die es zu wissen gilt – und noch mehr Fragen, die es zu stellen gilt, sich selbst und anderen; alles andere sind Ablenkungsmanöver.
        Auf meinem Weg von Meschede nach Bad Arolsen kam ich auch durch Leitmar, wo mich das „Ehrenmal“ sehr beeindruckte, auf dem stand: „Gefallen 1914-1918“ und „Gefallen 1939-1945“. „Gefallen“ – was ist das nur für ein Wort? Diese Soldaten sind erschossen worden oder von Bomben zerfetzt, vielleicht auch verhungert oder erfroren, mancher vielleicht in anderen Staaten, die man ihm zu „erobern“ auftrug, wo er dann wildfremde Menschen tötete. „Ehrenmal“? Vielleicht „die letzte Ehre“ – aber wo sind dann die Denkmäler für „den unbekannten Deserteur“, also die Menschen, die sich eher selbst töten ließen, als daß sie andere Unschuldige im Auftrag töteten? Der Artikel in der „Westfälischen Rundschau“ vom 10.5.1988 über den Besuch des heutigen Patriarchen in Meschede trug die Überschrift „Nach 43 Jahren Gedenkfeier für russische Gefallene“. Diese Menschen starben elendig an den Arbeits- und Lagerbedingungen („Vernichtung durch Arbeit“) oder wurden nachts von deutschen Soldaten erschossen und erschlagen. Man sieht spätestens daran, das das Wort „Gefallene“ für eine Erarbeitung der Geschichte völlig unbrauchbar ist…

Nadja Thelen-Khoder

aus

„Der ,Franzosenfriedhof’ in Meschede.
Drei Massaker, zwei Gedenksteine, eine ,Gedenktafel’ und 32 Grabsteine.
Dokumentation einer Spurensuche“
Norderstedt 2018
(ISBN: 9-783752-969712)
S. 287-297


 

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